Zum Geleit
Vorwort zum Dokumentationsband der Konferenz „Mission und Gewalt“
von Dr. Johannes Althausen
Wie fruchtbar der interdisziplinäre Dialog über die Geschichte der Mission sein kann, hat das dritte seit 1991 in Berlin durchgeführte Symposion zu missionshistorischen Fragen gezeigt. Nach der regionalen Thematik zum 100-jährigen Gedenken an den Beginn der Mission in Tansania 1991 und nach der systematischen Fragestellung über das Verhältnis zwischen Missionsgeschichte, Kirchengeschichte und Weltgeschichte 1994 hat die Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte zusammen mit dem Lehrstuhl für Mission und dem Afrika-Seminar an der Humboldt-Universität in Berlin diesmal zur Erforschung und Diskussion über das Problem des Verhältnisses von Mission und Gewalt eingeladen. Wie die hier vorgelegte Dokumentation des Symposions beweist, hat die Thematik zu sehr unterschiedlichen Arbeiten angeregt. Die Ausbreitung des Christentums hat sich zu allen Zeiten und überall in einem ambivalenten Spektrum von geistig/geistlicher Begegnung der Menschen, Völker und Kulturen und einer Auseinandersetzung stattgefunden, bei der Machtstrukturen verändert oder in Frage gestellt wurden. In der Mission der letzten 200 Jahre ist diese Spannung mehr als vorher zu einem Problem auch des einzelnen Menschen und der Grundhaltung der missionarischen Persönlichkeit geworden. Das in einer angemessenen Weise zu erforschen und im einzelnen darzustellen, bedarf umso mehr der Zusammenschau aus historischer, anthropologischer, ethnologischer, psychologischer, politologischer und anderer Sichtweisen ebenso wie der theologischen Betrachtung in ihren verschiedenen Bereichen. Fragen der Kulturbegegnung sind viel zu umfassend, als daß sie von einer Disziplin allein angemessen erfaßt werden können.
Das Thema „Mission und Gewalt“ erweist sich in diesem Diskurs als ein Forschungsgegenstand, der von allen Seiten leicht zugänglich ist. Das war für unser Symposion von großem Vorteil. Das breite Spektrum der Disziplinen, die in der Dokumentation vertreten sind, macht das deutlich. Man wird aber auch gewahr, daß mancher Beitrag der Realität noch näher kommen würde, wenn er andere Zugangsweisen zum Stoff ausführlicher berücksichtigt hätte. Und obwohl sich die Tagung durch eine gute Gesprächsatmosphäre auszeichnete, oder eben gerade weil sie es tat, waren auch die kritischen Stimmen nicht zu überhören. Missionskritik hat in der DDR einen staatlich und ideologisch geförderten Stellenwert gehabt. Das ist – so weit ich sehe – auf dem Symposion nicht thematisiert worden. Aber mancher, der aus solchen Erfahrungen kommt, geht damit anders um als andere. Das gilt sowohl für diejenigen, die Mühe haben, die vom „Klassenstandpunkt“ geprägte Herangehensweise zu hinterfragen, als auch für diejenigen, die Probleme haben, die Ambivalenzen der Geschichte zu akzeptieren. Daß Mission und Gewalt oft sehr nahe zueinander gekommen sind, ist nicht strittig. Daß Mission emanzipatorische Prozesse verursacht, weil sie von einer befreienden Botschaft lebt, darf aber auch nicht als selbstverständlich oder geringfügig angesehen werden. Die Offenheit und Lebendigkeit des Dialogs während der Tagung haben hoffentlich dazu beigetragen, daß die selbstkritischen Verarbeitung vorgefaßter Meinungen nötige Schritte nach vorn gemacht hat. Erfrischend und sicher förderlich zur Akzeptanz neuer Perspektiven war das Gespräch zwischen den Forschern aus den Ländern der südlichen Kontinente und denen aus Europa und Amerika. Wenn man erlebt, wie viel noch über Mission geredet und geschrieben wird, ohne daß die Stimme der „Empfänger“ präsent ist, so war die Tagung trotz der relativ schwachen Repräsentanz aus dem Süden doch ein ermutigendes Beispiel.
Zu den Höhepunkten der Begegnung gehörte es, daß Prof. Dr. Ernst Dammann aus Pinneberg begrüßt werden konnte. Als der Senior des Faches vekörpert er wie wenige den interdisziplinären Dialog. Er ist Missionspraktiker gewesen ebenso wie er als Sprachwissenschaftler, Missions- und Religionswissenschaftler bekannt geworden ist.
Für Lebhaftigkeit und Innovationsbereitschaft hat schließlich auch die Tatsache gesorgt, daß das Symposion erfahrene Forscher und Neulinge zusammengeführt hat. Das Gespräch zwischen den Generationen war sehr hilfreich für beide Seiten. Das zwischen der Mehrheit der männlichen Teilnehmer und den Forscherinnen ist in Gang gekommen, wenn es auch für manche oder manchen noch besser hätte genützt werden müssen.
Der Tagungsort war günstig. An der Stadtgrenze Berlins mitten in einem vor wenigen Jahren erst auf freiem Feld errichteten Gewerbegebiet gelegen, bot er gleichermaßen Geschlossenheit und Kommunikationsmöglichkeiten, die das Gespräch förderten. Für die Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte, die 1994 gegründet worden ist1 war die Tagung die erste größere Gelegenheit, ihre interdisziplinären Ambitionen zu verwirklichen. Sie ist sehr dankbar, daß sie dabei mit den Partnern in der Universität zusammenwirken konnte und dankt allen, die der Einladung gefolgt und sich dem Gespräch gestellt haben. Sie ist durch das Ereignis in ihrer Arbeit sehr ermutigt worden. Indem sie den Berichtsband in der Reihe des „Missionsgeschichtlichen Archivs“ vorlegt, möchte sie zur Fortsetzung des Gespräches zwischen den Forschungsgebieten einladen.
Ein besonderer Dank gebührt den Herausgebern und allen, die die technische Vorbereitung für die Veröffentlichung dieser Dolumentation geleistet haben. Wir danken für gute Kooperation mit dem Steiner-Verlag, der die Reihe unserer Monographien betreut. Daß wir immer wieder Möglichkeiten für die Anregung interdisziplinärer Forschung auf dem Felde der Missionsgeschichte finanzieren können, danken wir schließlich auch der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“.
Berlin, im Juli 1999
