Konferenzbericht 1999: Mission und Gewalt

Die internationale Tagung „Mission und Gewalt“ hat eine über den geplanten Rahmen hinausgehende Beachtung bei den Wissenschaftlern, aber auch in der allgemeinen Öffentlichkeit gefunden. Zur Eröffnungsveranstaltung konnten etwa 80 Teilnehmer begrüßt werden. Neben aktiv teilnehmenden Wissenschaftlern war auch eine Reihe von Fachleuten angereist, die keine vorbereiteten Diskussionsbeiträge hielten, sich jedoch zum Teil aktiv am Konferenzgeschehen beteiligten. Erfreulicher Weise nutzten auch einige Studierende und Nachwuchswissenschaftler die Gelegenheit, den fachlichen Diskurs zu verfolgen und selbst Beiträge zur Diskussion zu stellen. Da auch einige Journalisten anwesend waren, wurde über die Konferenz in der regionalen aber auch in der überregionalen Presse berichtet. Reportagen sowie Interviews liefen in lokalen Radiosendern.

Im Mittelpunkt der Konferenz stand der Umgang christlicher Missionare mit Gewalt und ihr Verhältnis zu den unterschiedlichsten Formen von Gewalt im kolonialen Alltag. Dabei wurden vor allem ideologische und ökonomische Gewaltaspekte sowie verdeckte und strukturelle Formen der Gewalt thematisiert. Eine Sektion befaßte sich gezielt mit dem Vergleich christlicher und islamischer Missionierung. In anderen Sektionen wurden Fallbeispiele aus Asien und Afrika zum Teil recht lebhaft diskutiert. Da die Konferenz in Berlin stattfand, lag es auch auf Grund der großen Zahl von Anmeldungen nahe, eine gesonderte Sektion der Analyse der Missionare der Berliner Missionsgesellschaft in Ost- und Südafrika zu widmen. Die Verankerung der Referenten in den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen (Missions- und Religionshistoriker, Kolonial- und Afrikahistoriker, Ethnologen, Erziehungswissenschaftler, Asienwissenschaftler, Theologen, Sprachwissenschaftler, Politologen u. a.) setzte besondere Akzente hinsichtlich eines interdisziplinären Herangehens an die Konferenzthematik.

Die Konferenz wurde, so der Tenor der Stimmen der Teilnehmer, als voller Erfolg gewertet. Vor allem wurde die zahlreiche Teilnahme von Referenten aus Afrika und Asien gewürdigt. Durch eine zusätzliche Förderung des DFG-Osteuropa-Programms konnten zwei weitere ausländische Wissenschaftler (Rußland, Slowakei) zum Gelingen der Tagung beitragen. Die Humboldt-Stiftung übernahm die Aufenthaltskosten eines Beiträgers aus Togo. Die Tagung „Mission und Gewalt“ wurde als würdige Nachfolgekonferenz der wissenschaftlichen Veranstaltung, die vom 17. bis 20. Oktober 1994 ebenfalls in Berlin stattgefunden hatte und unter dem Thema „Missionsgeschichte – Kirchengeschichte – Weltgeschichte. Christliche Missionen im Kontext nationaler Entwicklungen in Afrika, Asien und Ozeanien“ stand, betrachtet. Neben der damaligen anregenden Diskussion war vor allem der daraus entstandene Konferenzband, der als erster Band des „Missionsgeschichtlichen Archivs“ im Franz Steiner Verlag in Stuttgart publiziert worden war, in guter Erinnerung und im Gespräch. Er wurde vielfach der Wunsch geäußert, dieser zweiten Tagung, weil nunmehr schon so gut wie eine Institution geworden, in absehbarer Zeit (in vier bis fünf Jahren) eine weitere folgen zu lassen; zunächst jedoch sollten die gehaltenen Beiträge in überarbeiteter Form ebenfalls veröffentlicht werden.

Wenngleich von den Organisatoren genügend Zeit für Diskussionen während der drei Tage vorgesehen worden war und vor allem deshalb (indes auch wegen der steigenden Zahl von Anmeldungen) am zweiten Konferenztag statt in zwei in drei Sektionen getagt wurde, beklagten einige Teilnehmer die Tatsache, daß die eine oder andere kontrovers diskutierte Frage nicht vollständig geklärt werden konnte. So gab es Anregungen genug, um eine weitere Tagung folgen zu lassen. Die Pausen und der Umstand, daß im Konferenzgebäude auch die Mehrzahl der Teilnehmer untergebracht war und somit die Kommunikation informell fortgesetzt werden konnte, boten gute Gelegenheit, strittige Probleme weiter zu diskutieren. Auch bietet die vorgesehene Überarbeitung der Manuskripte für den Druck, verbunden mit der Tatsache, daß nunmehr etwas mehr Platz für die Darlegungen vorhanden ist, eine gern aufgegriffene Möglichkeit, die gewonnenen Anregungen zu verarbeiten.

Ein nach der Bewilligung der DFG aufgetretenes organisatorisches Problem hatte letztlich die oben angedeutete positive Wirkung in bezug auf die guten Kommunikations- und Diskussionsmöglichkeiten. Und zwar hatte die Geschäftsführung des vorgesehenen Konferenzortes kurzfristig, ohne die Organisatoren zu informieren, den Preis für die Miete der Tagungsräume sowie für die Unterkunft verteuert. Um in etwa in dem Preisniveau, wie bei der DFG beantragt und genehmigt worden ist, zu verbleiben, hatten sich die Organisatoren entschlossen, den Tagungsort zu wechseln (Die DFG wurde darüber schriftlich informiert). Zu den ursprünglich veranschlagten Konditionen stellte der Journalism & Media Service in Berlin/Dahlwitz-Hoppegarten sein Gebäude und seine Infrastuktur zur Verfügung. Nicht nur, daß Tagungsräume und Unterkunft in einem Gebäude untergebracht waren, sondern auch die Tatsache, daß der Tagungsort am Rande Berlins liegt und somit abseits großstädtischer Störungen und Verführungen, hatte zur Folge, daß eine intensive Diskussion und Kommunikation auch über die Sektionen hinaus gegeben war.

Der Umstand, daß nicht nur das Seminar für Missions- und Religionswissenschaften sowie Ökumenik der Humboldt-Universität zu Berlin allein als Veranstalter auftrat, sondern als Mitveranstalter das Seminar für Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin sowie die Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte e. V. (BGMG) verantwortlich zeichneten, ist als sehr positiv zu bewerten. Zwar konnten die Mitveranstalter kaum finanzielle Unterstützung gewähren, jedoch im gewissen Rahmen personelle und infrastrukturelle Unterstützung gewähren. Bei dem Ausgleich der Differenz zwischen veranschlagter und wirklicher Mietkosten konnte die BGMG helfend eingreifen.

Ausgehend von der Tatsache, daß das Anliegen der Konferenz die Zusammenführung von historisch arbeitenden Sozialwissenschaftlern mit Missions- und Religionshistorikern war, um gemeinsame Positionen bei der Bearbeitung der Thematik „Mission und Gewalt“ herauszuarbeiten, aber auch um unterschiedliche Ausgangshaltungen bei der Bearbeitung der Thematik zu bestimmen, läßt sich nur die Schlußfolgerung ziehen, daß die drei Tage wohl von allen Teilnehmern als voller Erfolg betrachtet wurde. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Auswertung missionarischer Quellen hat hierdurch, auch im internationalen Kontext gesehen, neue Impulse gewonnen.

Das Tagungsbüro hatte mit einigen Widrigkeiten organisatorischer Art fertig zu werden. Abgesehen von der Tatsache, daß einige Teilnehmer kurzfristig wegen Krankheit absagten und dadurch das Programm mehrfach revidiert werden mußte, ein Fluglotsenstreik in Finnland zwei angemeldeten Referenten die Teilnahme unmöglich machte, angemeldete Redner später eintrafen bzw. früher abreisen mußten, war aus inhaltlicher Sicht die Tatsache bedauerlich, daß vornehmlich auf Grund der eben genannten Umstände die Thematik in bezug auf die vorgesehene Region Ozeanien kaum diskutiert wurde.

 

Auf Grund des großen Interesses von seiten der beteiligten Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen und angesichts der bereits eingegangenen Nachfragen wäre es äußerst wünschenswert, die Konferenzbeiträge in überarbeiteter Form zu veröffentlichen.